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Akupunktur – chinesisches Voodoo oder Heilkunst?

Als der Große Gelbe Kaiser Huang Ti mit seinem Hofstaat zur Hirsch-Jagd ausritt, war das zunächst kein guter Tag für ihn, denn er hatte Schmerzen im gesamten linken Bein. Er hatte, wie wir heute sagen, einen Schmerz des Ischias-Nerven, was ihm das Sitzen zu Pferde fast unmöglich machte.

Aus diesem Grunde ritt er bald abseits der Jagdgesellschaft, stieg mühsam vom Pferd und legte sich zu Füßen eines dicken Baumes auf ein warmes, sonnendurchströmtes Moospolster und schlief ermattet ein.

Plötzlich fuhr er mit einem Schmerzensschrei in die Höhe – ein verirrter Pfeil hatte ihn am linken Bein, genau zwischen der Achillessehne und dem Knöchel getroffen. Der Kaiser sprang auf und hielt verwundert inne: trotz der Verletzung am Fuß waren seine Schmerzen im Bein, die bis in den Rücken hochgestrahlt hatten, verschwunden. Er ließ seine Ärzte und Heilkundigen kommen, die dieses Ereignis erstaunt dokumentierten, und er befahl, dieses Phänomen zu studieren und weiterzuentwickeln. Es entstand die Lehre der Akupunktur.

Die Behandlung von Krankheiten durch Einstich mit Nadeln an festgesetzten Hautpunkten ist wohl die älteste dokumentierte Heilmethode der Welt und heutzutage wohl auch die am weitesten verbreitete, was wir eigentlich MAO-TSE-TUNG verdanken, der im vorigen Jahrhundert die auch in China fast in Vergessenheit geratene alte Heilmethode erstmals wissenschaftlich untersuchen ließ und dadurch zu ungeahntem Höhenflug verhalf. Als ich vor über 30 Jahren anfing, mich mit chinesischer Heilkunde zu befassen, war ich einer der ganz wenigen akupunktierenden Ärzte in Deutschland. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass mein Vater sich weigerte, seinen Freunden anlässlich der Eröffnung meiner Praxis mitzuteilen, dass ich Akupunkturbehandlungen anbot.

Akupunktur wurde damals, vor allem dank der vorzüglichen Leistungen eines Herrn Köhnlechner, fast ausschließlich von Heilpraktikern angewendet und schon alleine deshalb von Ärzten (ohne dass sie sich jemals auch nur 1 Stunde damit beschäftigt hätten) in Grund und Boden verdammt. Der Heilpraktiker war damals, aufgrund seiner miserablen medizinischen Grundkenntnisse und äußerst geringen Anforderungen, die diesen Beruf seinerzeit ermöglichten) für den Arzt so etwas wie das rote Tuch für den Stier. Wer also als Arzt Akupunktur anbot, begab sich auf das niedere Niveau eines „Nackt-Fuß-Medizinmannes“.

Über etwas zu urteilen, von dem man keine Ahnung hat, ist wohl der Gipfel der Ignoranz.

Nach chinesischer Lehre, in die sehr stark naturphilosophisches Denken eingeflochten ist, fließt durch die verschiedenen Ebenen unseres Körpers in immer gleichen Rhythmen eine Energie CHI, deren Menge von der Zeugung an besteht, die auf ganz bestimmten Linien (Meridianen) den Körper durchzieht und die wir im Laufe unseres Lebens ganz allmählich verlieren. Wie ein Kanalnetz, das die vielen Reisfelder an einem Berghang mit Wasser versorgt, sind diese Meridiane untereinander immer wieder an bestimmten Punkten oder schleusen miteinander verbunden. Durch das Öffnen oder Schließen einer Schleuse kann der Akupunkteur gezielt Energie in einen anderen Kanal lenken und ihn füllen oder einen Stau aus einem anderen Kanal ableiten und ihn leeren.

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Einheit und Gegensatz der Kräfte

Die Energie besteht aus zwei unteilbar miteinander verbundenen Kräften, YANG und YIN, wobei jede Kraft in die andere übergeht, in der anderen vorhanden ist, aber dennoch von ihr immer getrennt bleibt. Vergleichen kann man das mit einem Magneten, der immer, so groß oder so klein er auch sein mag, immer einen Plus- und einen Minuspol hat. YANG und YIN sind Gegensätze, die ohne den anderen nicht existieren können. Wie Wärme=YANG und Kälte=YIN.

Gäbe es keine Wärme, gäbe es auch keine Kälte. Wie Oben und Unten, wie Außen und Innen, wie Tag und Nacht, wie Bewegung und Ruhe, wie Seele und Körper, wie Mann und Frau, Himmel und Erde.

Harmonie ist nur dann, wenn beide Kräfte sich im Gleichgewicht befinden. Alle Reisfelder des Berges sind nur dann ertragreich, wenn sie alle gleich bewässert werden, also Stau und Leere zu jeder zeit des Jahres vermieden werden. Jede auch nur einmalig vergessene Bewässerung auch nur eines einzigen Reisfeldes fügt nicht nur diesem Reisfeld einen Schaden zu, weil es zu wenig Wasser bekommen hat, sondern auch den anderen, weil sie zu viel bekommen haben. Solange Yang und YIN im Gleichgewicht sind,befinden wir uns in einem harmonischen Gleichgewicht.

Aber dieses Gleichgewicht in uns selbst genügt nicht. Der wahre, aber nie erreichbare Idealzustand ist, wenn wir uns im Gleichgewicht mit uns selbst, unserem Lebenspartner,unseren Mitmenschen, unserer Umwelt und dem ganzen Kosmos befinden.

Daher befinden sich unser Körper und unsere Seele im ständigen bemühen um Harmonie und Ausgleich, denn jedes Ungleichgewicht führt auf Dauer zu Störungen und Krankheiten. Der ideale Reisbauer beherrscht die Fähigkeit, immer genau zu wissen, wann und wie weit und an welcher Stelle er einen Kanal, der für ein ganz entferntes Reisfeld zuständig ist, öffnen oder schließen muss.

Früher, vor Tausenden von Jahren, war „Der, der sich um die Gesundheit und die Krankheit kümmert“ für das Gesundsein verantwortlich und er wurde dafür bezahlt, dass der Kunde gesund blieb.

Gesunde Kunden betraten die Praxis durch die Vordertüre. Wurde der Kunde krank, dann war das eine Schande für den Arzt und er musste ihn solange kostenlos behandeln, bis der Kranke wieder gesund war. Klar, dass die Kranken nur durch die Hintertüre eingelassen wurden und im Hinterzimmerchen behandelt wurden.

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Von guten und schlechten Nadeln

Jede Akupunkturbehandlung ist sehr individuell. Sie richtet sich nach dem Patienten und seiner Krankheit. Es können im Wartezimmer 10 Menschen sitzen, die alle und zur gleichen Zeit Kopfschmerzen auf der linken Seite haben. Aber alle 10 sind verschieden: Mann, Frau, Kind, dick, dünn,groß, klein, Probleme zuhause, Probleme auf der Arbeit, von der Leiter gefallen,etwa Falsches gegessen. Nicht der diesen Menschen gemeinsame Kopfschmerz auf der linken Seite macht die Therapie, sondern alles, was diese einzelnen Menschen betrifft. Ein Arzt, der seine Akupunkturbehandlung wie ein Standardrezept ansieht, das über viele Jahre und bei jedem Patienten gleich bleibt, und der ein „Programm“ unverändert „durchzieht“ ist ein schlechter Akupunkteur.

Ein Arzt, der die Nadeln durch seine Arzthelferin setzen lässt, ist ein schlechter Akupunkteur.

Ein Arzt, der mit Ihnen im Gespräch die Therapie entwickelt, auch vielleicht in einem Lehrbuch ergänzend nachschaut, sich während der 20 Minuten Behandlungszeit immer wieder bei ihnen blicken lässt, ist ein guter Akupunkteur.

Die Akupunkturpunkte werden nicht nur mit Nadelstichen behandelt, sondern auch durch Erwärmung (Moxibustion), durch Druck (Akupressur), mit einem elektrischen Reizgerät oder mit einem Soft-Laser.

Die Akupunktur ist, im Gegensatz zu einer Nadel, die man sich zufällig in die Haut sticht, fast völlig schmerzlos, da die Akupunkturpunkte ganz bestimmte anatomische Eigenschaften haben, an denen keine direkten Schmerzen empfunden werden können.

Eine „Moderne“ Variante der Akupunktur ist die von dem französischen Arzt Nogier entwickelte Ohrakupunktur, der am Ohr die sogenannten Reflexzonen entdeckte. Aber selbst das ist vielleicht nicht so modern, wie man denkt. Schauen Sie sich mal das berühmte Bild von Hieronimus Bosch (1450 – 1516) „Der Garten der Lüste“ an, da ist oben links ein Ohr abgebildet, in dem genau am Ischias-Punkt eine Nadel steckt mit einem kleinen zwickenden und zwackenden Teufelchen.

Die Untersuchung der Reflexzonen des Ohres mithilfe eines elektrischen Ohmmeters deckt Störzonen auf, die durch Setzen einer Nadel behandelt werden können. Immer aber auch unter Berücksichtigung, dass eine Körperstörung auch medikamentös zusätzlich behandelt werden sollte.

Bei der Ohrakupunktur werden häufig Dauernadeln eingesetzt, die unter einem Pflaster geschützt ein paar Tage drin bleiben können. Eine zusätzliche Stimulation der Nadeln durch leichtes Reiben der Nadel mit der Fingerspitze oder mit einem kleinen Magneten unterstützt die Wirkung.

Ich selbst habe die Ohrakupunktur bevorzugt zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt. Die Stichpunkte am Ohr haben eine ganz kurze Verbindung zum Gehirn, kommen aber and er gelichen stelle an, wie zum Beispiel ein Schmerz vom Fuß, und „neutralisieren“ dadurch den Schmerzreiz, der von weiter her kommt. Das ist wie die Aufgabe des Gate-Controllers in der Flugsicherung: das am nächsten fliegende Flugzeug wird eingeschleust, während die anderen in der Warteschleife bleiben.

Was kann die Akupunktur, was kann sie nicht.

Die Domäne der Akupunktur ist eindeutig die Schmerztherapie.

Akupunktur ist nicht in der Lage, Typhus zu heilen oder einen Knochenbruch oder gar Krebs. Sie ist eine gute Unterstützung bei Asthma und Erkältungskrankheiten. Ich selbst habe jahrzehntelang Patienten meist mit 1 einzigen Akupunktursitzung jedes Jahr über die gesamte Heuschnupfenzeit gebracht, ohne dass zusätzliche Medikamente genommen werden mussten (und wenn, dann nur in geringster Menge)

Die WHO=Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt den Einsatz der Akupunktur bei folgenden Beschwerden:
  • Kopfschmerzen
  • Migräne (deutliche Linderung fast immer möglich; wer aber behauptet, er könne mit Akupunktur Migräne heilen, lügt Sie an)
  • Schulter-Arm-Syndrom
  • Tennisellenbogen
  • Rückenschmerzen
  • Ischialgien
  • Osteoarthritis
  • Beschwerden bei Erkältungskrankheiten
  • Nasen-Nebenhöhlen-Entzündung
  • Verstopfung
  • Durchfall
  • Nach meinen Erfahrungen führt die Akupunktur auch zum mit Erfolg bei: Allergien
  • Hormonellen Störungen ( Kinderwunsch)
  • Raucherentwöhnung
  • Allgemeiner Abwehrschwäche
  • Schlafstörungen


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